Klimawandel, was tut die Weinbranche dagegen?

Was kann die Weinbranche gegen den Klimawandel tun?

Wir alle wissen es: die Weinbranche ist besonders vom Klimawandel betroffen. Die Verbraucher*innen freuen sich über die immer bessere Qualität der deutschen Weine und über das zunehmende Angebot an internationalen Sorten. So wie die anpassungsfähigen Sorten Merlot, Syrah und Chardonnay aus regionaler Produktion. Auf der anderen Seite sind die Weine immer alkohollastiger. 14 Prozent Alkohol sind heute Standard und Weine mit einem Alkoholgehalt unter 12 Prozent sind immer seltener zu finden. Der höhere Zuckergehalt der Weintrauben hat einen höheren Alkoholwert zufolge.

Für die deutschen Winzer*innen hat der Klimawandel derzeit Vor- und Nachteile. Zu den Vorteilen zählen die bessere Qualität der Weintrauben, die Erweiterung des Sortenspektrums und die Chance für noch mehr Innovation. Doch dem gegenüber stehen gewaltige Nachteile. Die wärmeren Tage verändern die Entwicklung der Reben und damit steigt die Gefahr der Schäden durch Spätfrost. Die Bildung von Inhaltsstoffen der Weintraube sind temperaturabhängig, was am Beispiel des Säure- und Zuckergehaltes deutlich wird. Der gewohnte Charakter der Weine verändert sich. Der Riesling schmeckt anders als vor zehn Jahren. Besonders gefährliche Auswirkungen des Klimawandels sind die zunehmenden Extremwetter wie Starkregen, Hagel und extreme Trockenheit. Die Flut, die im Sommer 2021 im Ahrtal Weinberge und Weingüter vernichtet hat, wird uns immer im Gedächtnis bleiben.

Diese wenigen Beispiele machen deutlich, dass die Weinbranche sich auf die Klimaerwärmung einstellen muss. Die Klimakrise verlangt, dass wir jetzt konkret handeln. Wie soll das gehen? Weder in der Lehre noch im Studium wurde dieses Thema ausführlich behandelt. Der Klimawandel ist ein weltweites Problem. Um diese enorme Herausforderung zu meistern, bietet sich eine Kooperation unter allen Weinanbaugebieten an.

Was macht die Weinbranche gegen den Klimawandel weltweit?

Damit die Weinbranche überhaupt eine Überlebenschance hat, haben sich Weinbaubetriebe weltweit zu Netzwerken wie dem IWCA (International Wineries for Climate Action, Internationale Weingüter für den Klimaschutz (1) und dem Porto-protokoll zusammengeschlossen. Es geht zunächst um eine Sensibilisierung der gesamten Weinbranche für die dringende Notwendigkeit, die Treibhausgasemissionen zu reduzieren. Das Angebot an Tools zur Erfassung der Emissionen und der Austausch von Umsetzungsbeispielen zur Vermeidung von Emissionen bis hin zur Klimaneutralität wird zur Eindämmung des Klimawandels beitragen.

Das IWCA wurde 2019 von Familia Torres (Penedes, Spanien) und Jackson Family Wines (Kalifornien, USA) gegründet. Es hat das Ziel, die globale Weinwirtschaft dazu zu bewegen, Strategien zur Eindämmung des Klimawandels zu entwickeln und die Branche zu dekarbonisieren. IWCA ist Teil der Race To Zero-Kampagne der Vereinten Nationen (2), um die globale Unterstützung der Industrie und der Weltführer für eine nachhaltige Zukunft zu gewinnen.  Die Mitglieder von IWCA profitieren von der internationalen Kooperation gleichgesinnter Unternehmen, dem Austausch von fundiertem Wissen und Best Practices sowie Zugang zu technischen Anleitungen und Tools. Die Zahl der aktiven Unternehmen wächst ständig. IWCA begrüßt große und kleine Weingüter aus der ganzen Welt.

Ähnliche Ziele hat das Porto-Protokoll (3). Das Porto-Protokoll ist eine Initiative, die aus den beiden Climate Change Leadership Konferenzen, die 2018 und 2019 in Porto stattfanden, hervorging und ihre Mitglieder verpflichtet, einen größeren Beitrag zur Eindämmung des Klimawandels zu leisten. Die Grundidee, die Erfahrungen und Erfolge über die gesamte Wertschöpfungskette zu teilen, soll zu einem effektiven Klimaschutz beitragen. So sollen die Teilnehmer mit anderen Mitgliedern Instrumente zur Bekämpfung des Klimawandels entwickeln, innovative Ideen austauschen, verbreiten und dann Zugang zu Lernwerkzeugen, Berichten und Know-how bieten, die von offiziellen Stellen erstellt wurden. In Workshops und sogenannten „climate talks“ werden Aktionen zum Klimaschutz diskutiert und gemeinsame Projekte entwickelt und neue Konzepte erforscht. Ende 2021 sind mehrere 100 Unternehmen aus allen Anbaugebieten weltweit auf der Mitgliederliste, darunter auch renommierte deutsche Weingüter. Die Vision vom Porto-Protokoll ist eine Weinindustrie, die eine kollaborative Verantwortung für das Klima und eine Umsetzung für kommende Generationen anführt.

Die internationale Organisation Rebe und Wein (= OIV) verabschiedete 2011 die allgemeinen Grundsätze des Protokolls zur Treibhausgasbilanzierung im Weinbausektor. In diesem Protokoll sind die Grundsätze der Berechnung der Treibhausgasemissionen und der Bindung von Treibhausgasen, ausgedrückt in CO2-Äquivalenten, für den Weinbausektor festgelegt (4).

Dass sich aktuell die internationale Weinbranche um den Klimaschutz kümmert, zeigt auch das Beispiel von Accolade Wines, einer der größten internationalen Weinhändler mit Sitz in Australien. Allein in Europa verkauft Accolade über 150 Millionen Flaschen Wein jährlich, alle klimaneutral. Das bedeutet eine Reduzierung der Treibhausgase um ca. 300.000 Tonnen. Zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen wurden Leichtglasflaschen eingeführt, ebenso Verpackungen aus recyceltem Material sowie in erneuerbare Energien investiert. Die verbliebenen Emissionen wurden im gesamten Markenportfolio von anerkannten Partnern ausgeglichen (5).

In der „Neuen Weinwelt“ spielt Nachhaltigkeit und Klimaschutz schon seit einiger Zeit eine zunehmende Rolle. Bereits im Jahr 2006 wurde das weltweit erste klimaneutrale Weingut – das neuseeländische Weingut Grove Mill Winery – zertifiziert. In Südafrika folgt 2006 Backsberg Estate Cellars, der erste Weinproduzent in Südafrika der den Status „Klimaneutral“ erlangt hat, indem er seine Kohlenstoffemissionen sequestriert (6). Es folgt 2007 das Demeter-Weingut Parducci Family in Kalifornien, das erste amerikanische Weingut, das klimaneutral wurde. Im Jahr 2009 bringt das chilenische Bio-Weingut De Martino seinen ersten klimaneutralen Wein auf den Markt. Ein Vorreiter beim Kilmaschutz, das kalifornische Weingut Fetzer Vineyards, wurde 2016 als erstes Weinunternehmen in den USA „CarbonNeutral“ zertifiziert und danach von den Vereinten Nationen mit dem Momentum for Change für klimafreundliches Handeln ausgezeichnet.

Auch in der „Alten Weinwelt“, also Europa, haben Weingüter die Verantwortung für eine lebenswerte Zukunft übernommen und ihre Treibhausgasemissionen reduziert und kompensiert. Der erste Weinproduzent in Europa, der klimaneutrale Weine erzeugte, war 2007 das Weingut Vignobles Lacombe in der Region Bordeaux. Der ermittelte CO2-Ausstoß pro 0,75 Liter Flasche betrug 1,7 kg. Im Dezember 2021 vermeldet der Branchenverband für Bordeaux-Weine (Conseil Interprofessionnel du Vin de Bordeaux) eine Reduktion der Treibhausgase um 30 Prozent im Vergleich zu 2008. Die emittierten Gase betrugen 2021 nur noch durchschnittlich 1,1 kg pro 0,75 Liter Flasche.

Seit 2016 kann klimaneutraler Champagner erworben werden. Champagne Drappier ist die erste Champagnermarke weltweit, die einen neutralen CO2-Fußabdruck aufweist. In Österreich wurde 2009 das Weingut Stift Klosterneuburg als klimaneutral zertifiziert. Auch hier wurde ein CO2-Ausstoß von 1,75 kg CO2 pro Flasche ermittelt. In Spanien wurde 2012 eines der führenden Weingüter des Rioja- Gebietes, nämlich das Weingut Bodegas Campo Viejo mit CarbonNeutral®-Zertifizierung ausgezeichnet, ein Vorbild für die spanische Weinwirtschaft.

Nach diesen internationalen Beispielen stellt sich die Frage: Wie ist die Situation in Deutschland?

Was macht die deutsche Weinbranche?

Laut Beschluss der Bundesregierung vom 25. Juni 2021 soll Deutschland bis 2045 klimaneutral werden.  Die Umsetzung kann nur dann gelingen, wenn alle ihren Beitrag leisten. Die deutsche Weinbranche ist besonders gefordert, da viele Verbraucher*innen annehmen, dass das Naturprodukt Wein grundsätzlich klimaneutral ist. Dem ist nicht so. Bei einer durchschnittlichen Jahresproduktion von 9 Millionen Hektolitern werden 1,8 Millionen Tonnen CO2 freigesetzt. 1 Liter Wein in der Flasche bedeutet durchschnittlich 2 kg CO2 Emission. Laut Umweltbundesamtes beträgt der durchschnittliche CO2-Fußabdruck 11,2 t CO2e pro Kopf. Angenommen, die deutsche Weinwirtschaft wäre klimaneutral, dann entspräche dies der Einsparung den CO2-Emissionen von über 160 000 Personen. Bis Ende 2021 sind in Deutschland nur 8 Weingüter klimaneutral zertifiziert. Dabei hat jeder in der Weinbranche die Chance, aktiv zu handeln, um die Klimakrise zu bekämpfen.

Aufruf: Wir handeln jetzt!

Der Aufruf richtet sich an Weingüter, Weinhändler*innen, Weintrinker*innen und an Weinorganisationen. Wir alle tragen Verantwortung für eine lebenswerte Zukunft und wollen in Deutschland klimaneutralen Wein im Glas. Die Voraussetzungen sind günstig, da die wissenschaftlichen und die praktischen Voraussetzungen vorliegen (7,8). Es fehlt an der Umsetzung.

Was ist zu tun? Alle wissenschaftlichen Analysen der letzten Jahre machen deutlich, dass bei einer Umstellung auf ein Mehrwegsystem und auf grüne Energie bis zu über 50% der Treibhausgase vermieden werden. Weitere strategische Handlungen hängen von den individuellen Gegebenheiten ab. Handlungsfelder sind Weinbau, Kellerwirtschaft, Verpackung und Transport. Hier ist eine Kooperation von allen Beteiligten gefordert. Der Austausch von Erfahrungen und vor allem Kommunikation sind erfolgsversprechend für einen Beitrag zur Erreichung der geplanten Ziele im Klimaschutz. Wird jetzt in den Klimaschutz im Weinbau investiert, dann wird in dessen Zukunft investiert.

1)  https://www.iwcawine.org/
2)  https://racetozero.unfccc.int/join-the-race/
3) www.portoprotocoll.com
4) Resolution OIV-CST 431-2011)
5) https://www.accoladewines.com/company/carbonneutralemea/#_ftnref1
6) https://backsberg.co.za/about-us/sustainably-farmed/
7) https://www.dine-heilbronn.de/leistungen/klimaneutralitaet/
8) https://klimaneutralerwein.de/ressourcen/

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